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Hydraulischer Abgleich -> Grundlagen

   
694 Beiträge | letzte Antwort 17.12.2018 | erstellt 15.10.2015
- was ist das?
- wo bekommt man den?
- braucht das jeder?

start der heizsaison, es häufen sich die heizungsthemen, und damit man nicht überall beim urschleim anfangen muß möchte ich hier einen faden eröffnen der sich dem 'mythos hydraulischer abgleich' widmet...

wozu das ganze?

stellen wir uns eine fbh vor, alle kreise werden am heizkreisverteiler parallel durchströmt. die kreise sind durch unterschiedliche raumgrößen und unterschiedliche raumheizlasten unterschiedlich lang.

beispielsweise liegt ein flur mit 8m² mit 35m fbh-rohr neben einem wohnzimmer mit 35m² mit 3 kreisen von 100m. ersterer hat gemäß auslegung einen verlegeabstand von 20cm, zweiterer von 10cm.

für das heizwasser bieten sich damit 4 parallele wege an, einer mit 35m und 3 mit 100m.

der kurze hat viel weniger widerstand, darum fließt das wasser viel schneller, ZUSÄTZLICH ist der weg kürzer. 3x so schnell und 3 x so kurz bedeutet daß das heizwasser den kurzen kreis fast 10-mal so schnell durchläuft wie die langen.

darum spricht man hier von thermischem kurzschluß.

die heizquelle bekommt viel zu früh wieder ihren rücklauf warm zurück und regelt ab -> es kommt zum takten.

große räume mit langen kreisen bleiben unterversorgt, weil das warme wasser bis zum abschalten bloß in die ersten schleifen gelangt.

was macht man dagegen?

wegen obiger problematik ist es vorschrift, daß jede heizanlage hydraulisch eingeregelt (abgeglichen) werden muß. dazu werden im zuge der auslegung die sollvolumenströme für jeden kreis individuell berechnet.

der kurze aus obigem beispiel würde dann vielleicht nur 0,5 l/min bekommen, die langen 1,5 l/min und sich somit gleichschnell durch ihre kreis arbeiten...

so sehen solche heizkreisauslegungen aus. hier ausgeborgt bei gdfde...

Hydraulischer Abgleich -> Grundlagen

in der letzten spalte stehen die vorgabevolumenströme der einzelnen kreise, hier von 0,4 l/min bis 'voll offen'

die längsten kreise laufen immer völlig entdrosselt, hier wird der volumenstrom grundsätzlich an der heizkreispumpe eingestellt. die kürzeren werden entsprechend der liste abgeglichen.

wie stellt man den hydraulischen abgleich ein?

dazu gibt es in den heizkreisverteilern trimmventile mit durchflußanzeige.

Hydraulischer Abgleich -> Grundlagen

in diesem fall sitzt unter den roten plastikkappen ein rändelrad mit dem der durchfluß getrimmt wird. der rote schwimmer zeigt den volumenstrom in l/min an.

das ganze funktioniert natürlich nur bei laufender heizkreispumpe.

am anderen verteilerbalken sitzen blaue kappen. das sind gewöhnliche heizkreisventile. hier kann der jeweilige kreis auf- oder zugedreht werden, so wie früher bei den heizkörpern.

wer braucht das?

jeder braucht das. außer man lebt in einem passivhaus und alle kreise sind gleich lang. dann gibts den abgleich schon von der planung her.

falls man soeben zum ersten mal vom hydraulischen abgleich erfahren hat bitte den heizungsbauer kontaktieren und nachfragen:
wurde abgeglichen?
wo sind die sollwerte?

wie kann ich den abgleich kontrollieren?

anhand der liste der sollwerte. diese müssen bei laufender heizkreispumpe an den flowmetern abzulesen sein.

einfache kontrolle:
ein nicht abgeglichenes system erkennt man daran daß die kurzen kreise wie bad, wc, flur, etc die größten durchflüsse haben und die großen räume wie eßraum, wohnzimmer die kleinsten.

im abgeglichenen system ist es genau umgekehrt...

was passiert ohne hydraulischen abgleich.

2 negative effekte treten auf:

- wie oben beschrieben kommt durch die kurzen kreise viel zu schnell warmes wasser zum wärmeerzeuger zurück, dieser schaltet ab. es entsteht ein taktender betrieb mit viel zu häufigen starts.

- andererseits werden die wichtigen hauptkreise viel zu wenig durchströmt, der boden bleibt kühlt, es wird zuwenig wärme abgegeben; der 'puffer' estrich wird nicht geladen.
dies wird zwangsweise kompensiert indem die heizkurve zu hoch eingestellt wird um ausreichend wärme ins haus zu bekommen. dies geht natürlich auf kosten der effizienz.

 
15.10.2015 19:11
topp!
Schreib noch nen Beitrag, damit ich Dir jen Stern geben kann ... den Eingangsbeitrag kann man nicht besterndln.
15.10.2015 19:41
hmmmmm, mir fallt grad nix ein ...
15.10.2015 19:48


dyarne schrieb: hmmmmm, mir fallt grad nix ein

perfekt, alles ist gesagt, dafür gibt es einen Stern ;)



15.10.2015 20:06
Sogar ich "Volltrottl" auf dem Gebiet kenne mich jetzt etwas aus :)

Danke!

STERN!
15.10.2015 20:14
im Netz sind auch weitere Infos zu finden, das ganze ist wenn man es genau haben will, schon etwas Aufwand, meine Frage dazu daher:
wenn der längster Kreis ganz offen ist und der kürzester den geringsten Durchfluss hat und der Rest dazwischen liegt, sollte es 80/20 stimmen, oder?

http://www.haustechnikverstehen.de/hydraulischer-abgleich-selber-machen/

15.10.2015 20:41
perfekt arne, danke

tom
15.10.2015 21:31
danke fürs nette feedback...


MinMax schrieb: wenn der längster Kreis ganz offen ist und der kürzester den geringsten Durchfluss hat und der Rest dazwischen liegt, sollte es 80/20 stimmen, oder?

seh ich auch so...

genau genommen gibt es mehrere hydraulische abgleiche. wenn man das haus als eine thermische blackbox sieht (je passiver desto mehr stimmt das), dann kann man beinhart verkehrt proportional zu den kreislängen abgleichen. für den wärmeerzeuger ist das am effizientesten.

quasi so wie wenn das haus ein einziger raum wäre und einen einzigen großen heizkreis hätte -> alle rückläufe treffen zur gleichen zeit ein...

wenn man unterschiedliche raumtemperaturen erzielen will hat man einen leicht anderen fokus und kann ein schlafzimmer bewußt unterversorgen und ein bad bewußt (leicht) überversorgen...

die ideale berechnete auslegung würde das alles berücksichtigen...
15.10.2015 21:48
Dir gehört ein Orden verliehen!
15.10.2015 22:08
Orden vergeben!
15.10.2015 22:57
Von mir auch ein Sternderl! Du machst Dir soviel Mühe, danke!
16.10.2015 0:24
Dankeee!
16.10.2015 6:31
@ dyarne

wennst schon so ein Thema eröffnest dann wirst auch gleich mit fragen zugeschüttet *ggg*.

So sieht das im Verteiler bei mir aus, sowohl im EG als auch im OG:
Hydraulischer Abgleich -> Grundlagen
Hydraulischer Abgleich -> Grundlagen

Dh. die Durchflussmenge ist eigentlich überall 0 (außer im Bad bzw. WC) aber ich denke weil eben die Ventile geschlossen sind da die Solltemperatur erreicht wurde.

Denke ich richtig?
16.10.2015 7:23
Vielen Dank für diesen hilfreichen und sehr gut beschriebenen Beitrag!
Ich habe auch einige Fragen dazu:
Wie macht man den hydr. Abgleich, wenn man zB. ein Haus gekauft hat und es keine Angaben zu den Leitungslängen/Kreisen gibt?
Und: Die blauen Ventile in deinem Bild sind die rein nur zum Öffnen und Schliessen eines Kreises oder kann/soll man da auch den Durchfluss beeinflussen, indem man so ein Ventil nur zB. halb öffnet?
Und: Wenn es solche Heizkreisverteiler in verschiedenen Etagen(KG,EG,OG) im Haus gibt, die Heizkreise zwar pro Etage auf gleichen Durchfluss abgegelichen sind, es aber dann in einer Etage nicht ausreichend warm(zB. Keller) oder in einer anderen Etage dann zu warm ist, wie gleicht man zusätzlich die Etagen untereinander ab?
mfg
Sektionschef

16.10.2015 8:23
Frage: sollten die roten zum justieren verwendet werden
ich hab's auch nur mit den "blauen" Kappen nachjustiert -> sollte dies mit den roten beim "Druchflussröhrchen" passieren. Heizungsbauer hat bei der IB-Schulung nur was von den "blauen" Kappen am Rücklauf erzählt welche zum Ändern des Durchflusses sind
sollten die roten zum justieren verwendet werden

P.S. Stern vergeben
16.10.2015 8:30
aaaaallllltttterrrr....

ich ==> geistig weltfremdes nackapatzl auf dem gebiet der technik
dieser thread ==> weltbester und seit langem einzigartige erklärung für *(siehe ich)

vielen vielen vielen dank!

16.10.2015 9:03
Ist das schon der Sterndl Forums Rekord für 1 Beitrag????
16.10.2015 10:01
auch für uns gerade ein super interessantes thema.
wir haben diese woche die fbh installiert bekommen, allerdings war die berechnung derart fehlerhaft, dass der verlegeabstand letztlich hingeschätzt wurde und dann eine nachrechnung der durchflussmengen erfolgt.

installateure .... tsss

coisa
von mir gibts auch einen stern
16.10.2015 11:37
Danke dyarne für den hervorragender Beitrag.

Bei uns wurde vom Installateur leider auch nicht abgeglichen. Er erklärte mir damals, bei den neuen Umwälzpumpen sei das nicht mehr notwendig
16.10.2015 12:50
ich hab irgendwo aufgeschnappt dass man so justieren soll dass die Pegel aller Meßröhrchen gleich hoch steht - mir kommt deine Erklärung aber logischer vor....
Danke
16.10.2015 13:12


Richard3007 schrieb: Ist das schon der Sterndl Forums Rekord für 1 Beitrag????

Gefühlsmäßig würde ich sagen, es gab bisher noch keinen mit zweistelliger Sterndlzahl. Kein Wunder, hier sterndeln FTH- und Massivbauer ebenso einig wie LWP- und Grabenkollektor-User *freu*
16.10.2015 14:51
Für ältere Anlagen mit wenig technischen Grundlagen und Berechnungen - keine oder nicht mehr ablesbare Flowmeter gibt es noch ein Improvisationsmöglichkeit.
Alle HEizkreise mit zu hohen Durchfluss habe auch zu hohe Rücklauftemperaturen. Zuerst einmal alle Handräder aufdrehen und nach 1- 2 Tagen die Rücklauftemperaturen je Heizkreis messen z.B. Infrarotthermometer oder Kontakttermometer.
Bei den höchsten Rücklauftemperaturwerten zum durchflussdrosseln bei den Flowmetern beginnen.
Wenn alle Abgänge zu drosseln wären, dann Heizkurve senken und Pumpenvolumen strom über die Temperaturspreizung prüfen( Temperaturdifferenz bei Vollleistung zwischen 5° - 7°C). Die Rücklauftemperaturen sollten nicht zuviel schwanken. Höhere gewünschte Raumtemperaturen führen auch zu höheren Rücklauftemperaturen. So kann man auch auf etwas zeitaufwendiger Art eine Grundeinstellung erzielen die um vieles besser ist als keine einregulierte Anlage.



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