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kein Platz für die Haustechnik - KWL Montage extrem

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27.12.2020 - 18.1.2021
13 Antworten | 7 Autoren 13
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Ich will euch mit folgendem abschreckendem Beispiel vor Augen führen, was im Extremfall droht, wenn man den Technikraum viel zu klein plant, oder überhaupt weglässt.

Zur Vorgeschichte: Es handelt sich um einen vor einigen Jahren als Pilotprojekt durchgeführten Dachgeschoßausbau in Passivhausbauweise (eigentlich Plusenergie mit Luft-Wärmepumpe, Solarthermie, Pufferspeicher, PV und KWL KWL [Kontrollierte Wohnraumlüftung]) in Wien. Gleichzeitig wurden auch Apartmentwohnungen im gegenüberliegenden Trakt mit gleichem Standard errichtet, die haustechnisch eingebunden waren.
Bei den Planungsgesprächen 2013 wollte der Bauherr unbedingt einen Technikraum in seiner Wohnung vermeiden. Da ich gerade in einem anderen Projekt ein Lüftungsgerät entwickelte, ließ ich mich überreden, einen Prototyp des Gerätes in eine Wandnische im Bad einzubauen. Wie sich dann aber leider erst später herausstellte, entsprach der zugekaufte Rotationswärmetauscher nicht den technischen Spezifikationen des Herstellers und wies einige Mängel auf, die nicht zu beheben waren (große Leckagen, Lagerschaden). Ich hatte über mehrere Monate verteilt unzählige Stunden in Reparaturen und Verbesserungen gesteckt, aber immer wiederkehrende Probleme ließen einen störungsfreien Betrieb nicht zu. Das Positive das ich dabei mitnehmen konnte: "Verlasse dich nicht auf Herstellerangaben und teste alles selbst"
In der Zwischenzeit war die Familie des Bauherrn auf 7 Personen angewachsen und der konzipierte Luftvolumenstrom entsprach auch nicht mehr den Anforderungen.
2018 wurde entschieden, die Anlage umzubauen. Mitte 2020 wurde dann die notwendigen Bewiligungen eingeholt, die Planung und Schallberechnungen beauftragt und Ende dieses Jahres dieses Projekt umgesetzt.

Wo soll nun das KWL KWL [Kontrollierte Wohnraumlüftung]-Gerät platziert werden, wenn innen kein Platz ist? Anfangs wurde ein darunterliegender Kleinst-Balkon in Erwägung gezogen. Dieser erwies sich dann aber aufgrund des Umschwenkens auf ein anderes Gerät als doch zu klein. Mein Vorschlag: das Gerät auf die Dachterrasse zu platzieren, wurde schließlich doch akzeptiert. Der Vorteil: einwandfreie Zugänglichkeit zum Gerät und Filterkasten. In der Vergangenheit musste ich oder der Bauherr am Bauch liegend über das WC Fenster den Abgrund vor Augen den Außenluftfilter wechseln. Jedesmal ein Nervenkitzel, auf den ich gerne verzichten kann.
Es gibt bei der Aufstellung des Gerätes auf der Dachterrasse nur ein "kleines" Problem: die vorhandenen Wanddurchführungen für die Luftleitungen liegen einen Stock tiefer unterhalb der überhängenden Überdachung einer Außenwandnische. Eine Gerüstung wäre zu aufwändig, eine in den Innenhof zufahrbare Hebebühne zu niedrig. Es bleibt nur die Möglichkeit, einen Industriekletterer zu engagieren. Der Bauherr hatte bereits einen im Einsatz, der die Taubenschutznetze montierte. Also für Anfang November einen Termin vereinbart und auf gutes Wetter gehofft.

von Brombaer, PhilippM

27.12.2020 ( #1)
Die Planung und die Materialbestellungen hatte ich bereits vor Wochen abgeschlossen, jedoch verzögerte sich die Lieferung der Schall- und Wetterschutzeinhausung des Lüftungsgerätes. Also Termin verschoben. Das Hochbringen der Lüftungsrohre (gedämmte Wickelfalzrohre mit Außenmantel als Wickelfalzrohr DN150/250) und der diversen Materialien übernahm freundlicherweise großteils die Bauherrnfamilie selbst. Da der Lift dafür zu klein ist, musste fast alles 6 Stockwerke hochgetragen werden, wobei 2 Stockwerke im inneren der Wohnung über eine Wendeltreppe zu bewältigen waren. Der Rahmen für die Schallschutzeinhausung wurde über eine darunterliegende Terrasse hochgehoben und oben über die Solarthermiepaneele gehievt. Das Gerät konnte zum Glück über die Wendeltreppe hochgetragen werden.

Beim zweiten Termin konnte ich dann mit der Vorbereitung der Terrasse beginnen. Das Schallschutzgehäuse sollte in den Terrassenboden eingesenkt werden, sodass sich das Gewicht des Gehäuses plus Gerät möglichst großflächig über Betonplatten auf das Gummigranulat des Flachdaches verteilt.



Schallschutzgehäuse aufsetzen, waagrecht einrichten, Gerät einschieben, Verrohrung innerhalb montieren, Ausschnitte in Paneele anfertigen






27.12.2020 ( #2)
Danach musste die Aufhängung der Lüftungsrohre mittels Konsolen und C-Schienen am Geländer montiert werden.



Ich hatte mir für die Arbeiten außerhalb des Geländers natürlich eine Absturzsicherung besorgt, sodass ich immer gesichert war, wenn es erforderlich war. Die Rohrstücke waren nicht nur unhandlicher, sondern auch durch die Dämmung und die Ummantelung doppelt schwer.



Nach knapp 2 Tagen hatte ich dann alle Montagearbeiten, die ich alleine machen konnte, erledigt. Nun war Teamwork mit dem Kletterer gefragt.



Ali Deliri und ich waren uns schon seit dem ersten Kennenlernen im Sommer sympathisch. Daher war die Montage trotz aller Probleme und Widrigkeiten (Nebel, Wind, um die 0 Grad) halbwegs erträglich. Wir motivierten uns gegenseitig, auch wenn wir vor scheinbar unlösbaren Herausforderungen standen. Danke Ali!
Man muss sich jetzt nur vorstellen, er muss sich jedesmal mit Muskelkraft in die richtige Position bringen. Da die Anbringung eines Sicherungshakens auf dem überhängenden Teil der Dachterrasse und der gedämmten Fassade nicht möglich war, musste er mit den Haken vorlieb nehmen, die möglich waren. Dadurch dauerte es einige Minuten bis er in der richtigen Lage war. Auch Pausen waren notwendig. Dieser Job ist körperlich sehr fordernd und kann nur von wirklich gut ausgebildeten und fitten Kletterern bewältigt werden, die noch dazu montagetechnisch erfahren sind.

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27.12.2020 ( #3)
Zunächst mussten die alten Anlagenteile an der Fassade demontiert werden. Danach begannen wir die Lüftungsteile vorzumontieren und aufzuhängen. Alles musste auf Naturmaß gefertigt werden, da ein vorheriges Abmessen für mich nicht möglich war. Jeder Montagevorgang, der am Boden normalerweise 10 Minuten dauern würde, dauerte hier eine Stunde. Noch dazu ließ sich das konzentrische Rohrsystem nur schlecht verbinden, da man das innere Rohr nicht sehen oder dirigieren kann. Jede Verbindung musste mehrmals genietet und mittels Butylband abgedichtet werden. Die Schalldämpfer wurden so ins Rohrsystem eingebunden, dass eine optisch ansprechende Ansicht der Rohre nach Vorstellung des Bauherrn erreicht werden konnte.









Der Anschluss der Luftleitungen an die Wanddurchführungen verlangte nach einem besonderen Formstück 😉


Wie sollen wir aber die beiden langen horizontalen Luftleitungen (finale Verbindung) hineinbekommen. Ich hatte die Idee, eine Plattform in der Mauernische zu bauen, damit ich über das WC Fenster hinaussteigen kann und so mit Ali hoffentlich die langen Rohre einstecken kann.






Also Plattform aus Dokaplatten zugeschnitten und an der gegenüberliegenden Wand montiert, auf der Fensterbank aufgelegt und so eine Plattform geschaffen, die ich mit Sicherung betreten konnte



Nun kam der entscheidende Moment, zu probieren, ob wir das erste lange Rohr an beiden Enden in die Bögen einschieben können. Wir hatten bis zuletzt unsere Zweifel. Nach mehrmaligen Fehlversuchen hatten wir das Glück, dass es klappte. Ein unglaubliches Glücksgefühl machte sich breit. Wir haben es fast geschafft!!!






Nach dem wir das zweite Rohr montiert hatten, war die Erleichterung in unseren Gesichtern zu erkennen. Die Anspannung der letzten Tage vergessen.
Wir hatten aber keine Zeit zu feiern, sondern mussten die Plattform und die Kletterausrüstung abbauen. Es war schon Abend.


Für mich waren die Arbeiten aber noch nicht vorbei.

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27.12.2020 ( #4)
😲...Respekt Wolfgang. Das nenne ich mal ein Projekt, das du nicht mehr vergessen wirst.
So ein Bungalow bei mir mit abgehängter Decke und großen Technikraum ist ja dagegen eine Arbeit für die Mittagspause. 🤣

mbg aus der Steiermark

27.12.2020 ( #5)
An zwei weiteren Tagen erledigte ich alleine die noch ausstehenden Restarbeiten an der Anlage innen und außen (Einbau der notwendigen Teile im Bad zur Anbindung an das Luftverteilsystem, Neuer Revisionsdeckel, Montage der Außenluft- und Fortluftleitungen mit Schalldämpfern und Filterkasten, Abdichtung des Schallschutzgehäuses, Wiedermontage der Geländer, elektrische Anschlüsse, Fühlerkabel anklemmen, Vorinbetriebnahme, Einregulierung, etc.)









Insgesamt dauerte die Montage 6 Tage ohne Inbetriebnahme und Demontagearbeiten. Nur zum Vergleich: normalerweise benötige ich für die gesamte Montage einer Anlage inkl. Luftverteilsystem in einem Einfamilienhaus 2-3 Tage.

Vorerst läuft die Anlage in manuellem Betrieb. Jetzt sollen noch zwei CO2 Sensoren eingebunden werden. Dazu ist zur Parametrierung der Servicedienst des Herstellers erforderlich. Ich hoffe, ich kann das zukünftig mit der Software selbst erledigen.

Das war ein kurzer Abriss meiner Erlebnisse bei dieser Anlage, die nun hoffentlich möglichst lange zur Zufriedenheit der Familie funktionieren wird. Die Luftqualität in der Wohnung war davor ohne Lüftung wirklich fast dauerhaft schlecht, trotz regelmäßiger Stoßlüftung.

Ich kann nur wirklich ausdrücklich davor warnen, die Technikraumgröße zu minimieren, ohne den Platzbedarf genau zu kennen. Nicht umsonst sagt man:" Ist der Technikraum zu klein, ist der Installateur ein armes Schwein". Und was passiert, wenn man überhaupt keinen Technikraum zur Verfügung stellen will, sieht man oben.




Ich wünsche Euche einen schönen Jahresausklang und ein gesundes Jahr 2021!

27.12.2020 ( #6)


Microft schrieb: 😲...Respekt Wolfgang. Das nenne ich mal ein Projekt, das du nicht mehr vergessen wirst.
So ein Bungalow bei mir mit abgehängter Decke und großen Technikraum ist ja dagegen eine Arbeit für die Mittagspause. 🤣

Ja, so ein EFH Projekt ist auch manchmal fordernd, aber im Vergleich dazu, wie Urlaub.

27.12.2020 ( #7)
Ich sehe da eine Pichlerluft LG350, finde ich super 🙏

27.12.2020 ( #8)
Komplett irre, was alles geht, wenn es sein muss. 😅💪

28.12.2020 ( #9)
Herzlichen Glückwunsch, sowas sieht man nicht alle Tage.

28.12.2020 ( #10)
Respekt, so kommt man zu Kletterstunden, Höhenangst sollte man keine haben 😌


leitwolf schrieb: Und was passiert, wenn man überhaupt keinen Technikraum zur Verfügung stellen will, sieht man oben.

Haben keinen Technikraum und eine dezentrale KWL KWL [Kontrollierte Wohnraumlüftung] in einer Außenwand verbaut und mit Zweitraumzuluft/Abluft fürs ganze Haus (80m²) missbraucht. Funktioniert bis jetzt ziemlich gut. Dir stellen sich sicher alle Haare auf, war aber eine sehr kostengünstige Lösung im Eigenbau.

28.12.2020 ( #11)
Tolle Fotos , und da gehört nicht nur Mut dazu so etwas zu verwirklichen sondern ein besonderer Wille macht so etwas möglich, ganz abgesehen von den Kosten wurden hier auch die Gefahren gut eingeschätzt. Hab auch des öfteren in meinem Leben in großen Höhen gearbeitet (Windräder montiert) und bei diesem Wetter ist das wirklich eine Knochenarbeit. 👍⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️toller Beitrag

28.12.2020 ( #12)


mattmein schrieb: Haben keinen Technikraum und eine dezentrale KWL KWL [Kontrollierte Wohnraumlüftung] in einer Außenwand verbaut und mit Zweitraumzuluft/Abluft fürs ganze Haus (80m²) missbraucht. Funktioniert bis jetzt ziemlich gut. Dir stellen sich sicher alle Haare auf, war aber eine sehr kostengünstige Lösung im Eigenbau.

Wo ein Wille, da ein Weg. Wenn es für euch passt, warum nicht?

18.1.2021 ( #13)
In den letzten Wochen bin ich mehrmals auf diesen Thread angesprochen worden. Danke für Eure Aufmerksamkeit und Interesse! Ich bin gefragt worden, wie die Anlage nun funktioniert und ob ich noch den Plan dazu posten kann.

Natürlich sind die langen Luftleitungen im Außenbereich nicht optimal. Dadurch kommt es trotz 5cm Dämmung zu einer Abkühlung um einige Grad. Es waren auch einige Wärmebrücken unvermeidlich. Das schmälert zwar die thermische Effizienz deutlich, aber innen hat das keine Auswirkungen auf den Komfort (keine Zugluft bemerkbar). Bei der Einregulierung habe ich bemerkt, dass das Luftverteilsystem Leckagen aufweist. Wenn ich die einzelnen Volumenströme der Ventile messe, fehlen mir ca. 14% auf den eingestellten Gesamtvolumenstrom, obwohl ich den Druckabfall des Messtrichters schon berücksichtigt habe.
Ich habe die Abklebungen der Verbindungsstellen des Luftverteilsystems in Verdacht. Die ausführende Firma hat damals trotz meiner Vorgaben normale Formstücke ohne Dichtung verwendet und alles mit hunderten Selbstbohrschrauben perforiert. Bitte verwendet daher nur Formstücke mit Dichtung! Das ist außerdem viel zeitsparender.
Akustisch ist Dank Berechnungen und Erfahrung alles super leise, bzw. nicht hörbar. Die Anlage läuft jetzt mittels 2 CO2-Sensoren gesteuert. Für die Parametrierung benötigt es aber die Software und in diesem Fall den Servicedienst der Fa. Pichler. Die App-Steuerung hat auch noch etwas mehr Aufmerksamkeit der Entwickler verdient. 

Hier nun abschließend die Plangrafiken und die fertige Außenanlage zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme. Man sieht, dass Plan und Realität sich relativ nahe kommen Und nein, die Filterbox hängt nicht schief, das Geländer folgt dem Gefälle des Flachdaches und ist nicht waagrecht.



















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